Türkische Ski-Pioniere wollen deutschen Outdoor-Markt erobern

Die Alaftargils, die erfolgreichste Familie im türkischen Skirennsport, wollen mit ihrem Outdoor-Geschäft den deutschen Markt erobern. Ihre Heimatstadt Erzurum vermarktet sich als Wintersportdestination. Skigeschichte aus Ostanatolien.

Palandöken bei Erzurum ist das größte Skigebiet der Türkei.

Palandöken bei Erzurum ist das größte Skigebiet der Türkei.

Erdem Sahin/EPA

Die Ski vom olympischen Rennen in Salt Lake City stehen noch heute im Büro von Atakan Alaftargil. Vor dem Kundenbereich seines Ladens hängt ein Bild von der Eröffnungsfeier der Winterspiele 2002, bei der der Skirennläufer als Fahnenträger die kleine türkische Delegation anführte. Die zweite Aufnahme zeigt meinen älteren Bruder Arif, ebenfalls Alpinskifahrer. Vier Jahre zuvor durfte er bei den Spielen in Nagano die türkische Flagge tragen. „Unser Vater hat uns als Kinder auf Skitouren mitgenommen“, sagt Atakan. “Wir haben von klein auf gelernt.”

Ein Hobby für die Reichen

Mit zwei Olympioniken sind die Alaftargils die wohl erfolgreichste Ski-Familie der Türkei. Das macht sie natürlich nicht besonders bekannt. Wintersport fristet im Sommerland Türkei ein Schattendasein, obwohl die Bedingungen dafür dank kontinentalem Klima und hohen Bergen eigentlich gut sind.

Dies gilt insbesondere für Erzurum, die Heimatstadt der Alaftargils in den Ausläufern Ostanatoliens. Das Palandöken-Massiv mit dem größten und höchsten Skigebiet der Türkei liegt direkt vor den Toren der Stadt. Auf einer Höhe von bis zu 3200 Metern gibt es Pisten mit einer Gesamtlänge von 74 Kilometern. Der Schnee hält normalerweise bis April an.

Auch nach dem Ende ihrer Sportkarriere blieben die vier Brüder dem Wintersport treu. Ihre Ladenkette Kar Spor, die sowohl eigene Produkte als auch internationale Markenware vertreibt, hat sich zum wichtigsten Ski- und Oberbekleidungsanbieter des Landes entwickelt.

„Angefangen hat alles mit den Schneeanzügen, die Verwandte aus Europa mitgebracht haben und die wir hier wieder verkaufen. In Erzurum war nichts“, sagt Atakan Alaftargil. „Heute produzieren wir selbst, haben 150 Mitarbeiter und verkaufen 300 Millionen Pfund im Jahr.“ Das sind mehr als 15 Millionen Franken.

Atakan Alaftargil nahm als Skirennfahrer an den Winterspielen von Salt Lake City teil.  Heute macht er Funktionskleidung.

Atakan Alaftargil nahm als Skirennfahrer an den Winterspielen von Salt Lake City teil. Heute macht er Funktionskleidung.

PD

Das Geld wird vor allem in den großen Städten des Landes verdient, wo es trotz Währungskrise immer noch eine zahlungskräftige Kundschaft gibt. „Das Geschäft läuft gut“, sagt der Unternehmer. „Es gibt noch genug Leute, die sich ein exklusives Hobby wie Skifahren leisten können.“ Im europäischen Vergleich ist die Tageskarte in Erzurum mit 400 Lira, rund 20 Franken, günstig. Bei den Kosten für Anreise, Ausrüstung und Unterkunft geht es auch hier um einiges – vor allem für hiesige Verhältnisse.

Deutscher Markenname

Kurz vor der Pandemie trat Alaftargils in den deutschen Markt ein. Seitdem werden in Bayern Textilien aus der Türkei unter dem gewöhnungsbedürftigen Namen Panthzer verkauft. Der Name sei eine Wortschöpfung aus Panther und Tank und solle die Agilität und Aggressivität ausdrücken, die gut zu Outdoor-Aktivitäten passen, erklärt Alaftargil.

Die Wirkung auf türkische Ohren spielte wohl eine größere Rolle bei der Namenswahl. Denn die deutsche Marke ist auch eine Marketingstrategie für den Verkauf in der Türkei. Anspruchsvolle Kunden hierzulande bevorzugen aus Prestige- und Vertrauensgründen oft ausländische Produkte. Das Unternehmen ist in Bayern registriert. Panthzer kann also mit deutscher Qualität werben, obwohl die Ware in der Türkei und in China hergestellt wird.

Dass Qualitätsprodukte aus Schwellenländern vor allem beim heimischen Publikum mit Skepsis aufgenommen werden, ist kein rein türkisches Phänomen. Der international hochgelobte Amrut-Whisky aus Indien beispielsweise wurde vom indischen Markt erst angenommen, nachdem er sich in Europa etabliert hatte.

Hoffnungen auf den europäischen Markt

Künftig steht aber auch der deutsche Markt im Vordergrund, erklärt Anatakan Alaftargil. Als wichtigen Schritt für das Geschäft in Deutschland nennt er eine Marke von 10 Prozent des Gesamtumsatzes. Andere Länder werden später folgen. Derzeit entsteht in Kirklareli in Thrakien eine zweite Fabrik mit bis zu 70 Arbeitsplätzen. Die westlichste Region der Türkei grenzt an Bulgarien und Griechenland und ist prädestiniert für den Export in die EU.

„Wir wollen die Abhängigkeit von chinesischen Produzenten reduzieren“, sagt Alaftargil. “Viele Unternehmer sind so.” Tatsächlich erhofft sich die Türkei vom sogenannten Nearshoring, der Verlagerung von Produktionskapazitäten näher an den Mutterkonzern, positive Effekte auf Investitionen im Land.

Die erste Produktionsstätte von Alaftargils befindet sich ebenfalls in der Westtürkei, in Manisa, wo es viele andere Textilunternehmer gibt. Das türkische Wirtschaftsleben ist durch ein scharfes Ost-West-Gefälle gekennzeichnet. Auch für Lokalpatrioten wie die Alaftargils ist das strukturschwache Erzurum vor allem ein emotional wertvoller Ort. Im Westen werden Unternehmensinvestitionen getätigt.

Erzurum lebt vom Wintersport

Erzurum ist jedoch wichtig für das Geschäft. In der Türkei ist die ostanatolische Stadt vor allem für die Architektur aus der Seldschukenzeit, die Lammspezialität Cag Kebap und die konservative Bevölkerung bekannt. Doch die Stadt strebt einen Imagewandel an und setzt seit einigen Jahren auf den Sporttourismus, insbesondere den Wintersport.

Neben der alpinen Infrastruktur gibt es eine große Skisprungschanze. Die Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2026 klappte nicht. Aber auch ein FIS-Rennen für Snowboarder und eine Winteruniversiade, ein Sportevent für Studenten, wurden hier schon ausgetragen. Im Skigebiet selbst gibt es mittlerweile 3500 Betten. Dann sind da noch die Hotels in Erzurum, einer Stadt mit 400.000 Einwohnern.

Die abgelegene Lage sei kein Nachteil, sagt der Gouverneur der Provinz Erzurum, Okay Memis, in einem Interview. Immerhin ist die Talstation des Skigebiets nur 15 Minuten vom Flughafen entfernt. „Auch ab Istanbul ist die Reisezeit begrenzt.“ Im Winter gibt es auch täglich mehrere Direktflüge über das Schwarze Meer nach Russland. Die Zahl der russischen Touristen in der Türkei ist in diesem Jahr wegen des Krieges zurückgegangen. Russland ist jedoch nach wie vor ein wichtiger Markt.

Um den Skisport im Land selbst zu fördern, organisiert die Stadtverwaltung Skicamps. Die Unternehmerfamilie Alaftargil betreibt auch einen Skiclub mit Jugendförderung an der Talstation in Erzurum. Schließlich ist jeder neue Skifahrer auch ein potenzieller Kunde.

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