Femizide: Ermordet, weil sie ein anderes Leben wollten

SEr dachte, es sei endlich sicher. Die 37-jährige Frau, deren Name zum Schutz anonym bleibt, lebte in einer missbräuchlichen Beziehung. Ihr 54-jähriger Ehemann bedrohte sie. Im Herbst dieses Jahres trennte sie sich von ihm, verließ ihr bisheriges Leben in Chemnitz und floh mit ihrem 13-jährigen Sohn in die schleswig-holsteinische Stadt Heide.

Laut WELT war sie zunächst in einem Frauenhaus. Es ist jedoch nicht bekannt, ob seine Ex-Partnerin ihm gefolgt ist. Was bekannt ist: Am 31. Oktober fuhr er fast 600 Kilometer von Chemnitz nach Heide. Eine Frau und ihr Kind gingen auf dem Bürgersteig, als ein Skoda neben ihnen hielt. Der Beifahrer stieg aus, schoss der Frau in den Kopf, stieg wieder ein und fuhr davon.

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Die Frau starb im Krankenhaus, ihr Sohn stand unter Schock. Ihr Ex-Mann aus Aserbaidschan, der mutmaßliche Täter, wandte sich später an die Polizei. Auch der Mann, der ihn nach Heide fuhr, wurde festgenommen. Eine Untersuchung des Mordes ist jetzt im Gange.

So brutal dies auch erscheinen mag, diese Aktionen sind sehr verbreitet. Statistisch gesehen wird nach Schätzungen des Bundeskriminalamts mehr als jeden dritten Tag eine Frau in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Ein gefährlicher Satz fällt: Für Frauen ist der gefährlichste Ort der Welt oft das eigene Zuhause, die gefährlichste Person der (ehemalige) Partner. Darauf konzentrierte sich Ende November ein Aktionstag in Hamburg.

Nach Ermittlungen der Hamburger Linksfraktion wurden bis Ende September dieses Jahres 16 Frauen in Hamburg getötet. Seitdem wurde dem Lochbrugge Act mindestens ein Fall hinzugefügt. In mindestens sechs Fällen war der Partner oder ehemalige Partner der Täter. Der Vorsitzende der Linkspartei, Kansu Özdemir, sagt: “Diese Fälle sind als versuchter und vollendeter Mord einzustufen.”

Anfang November dieses Jahres soll ein Mann seine Frau in Hamburg-Lochbrugge getötet und von der Polizei festgenommen worden sein.

Anfang November dieses Jahres soll ein Mann seine Frau in Hamburg-Lochbrugge getötet und von der Polizei festgenommen worden sein.

Quelle: Picture Alliance/dpa

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert kurz und bündig Femizid als den allgemeinen Begriff für die vorsätzliche Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind. Es gibt weder in Hamburg noch bundesweit ein offizielles Monitoring von Frauenmorden und auch keine Kriminalstatistik in Hamburg. Andere Länder wie Mexiko und Argentinien haben den Begriff etabliert. Straftaten in diesem Bereich werden gesondert registriert und geahndet.

Diese Fälle sind laut WHO durch strukturelle Machtungleichgewichte zwischen Männern und Frauen gekennzeichnet. Der Begriff soll das Bewusstsein für diese Art von Mord schärfen. In solchen Fällen sind fast immer Männer die Täter. Vor diesem Hintergrund fordern Initiativen mehr Transparenz und die Kriminalisierung dieser männerdominierten Gewalt.

Prävention – Einige Bundesländer testen prädiktive Tools

Die Opfervertretung Weißer Ring untersucht, ob Femizide durch spezielle Präventions- und Frühwarnsysteme verhindert werden können. Sobald ein Mann die Entscheidung getroffen hat, seinen Partner oder Ex-Partner zu töten, werde er alles in seiner Macht Stehende tun, sagt die stellvertretende Landesgeschäftsführerin Kristina Erichsen-Kruse.

Aber natürlich gibt es vorpolizeiliche Möglichkeiten: elektronische Fußfesseln zum Beispiel für Menschen, die bereits gewalttätige Zwischenfälle in einer Beziehung bemerkt haben. Oder die Möglichkeit, diese Menschen in eine therapeutische Behandlung zu überweisen. Es gibt auch wissenschaftliche Instrumente, mit denen das Risiko einer Frau, tödlich angegriffen zu werden, analysiert werden kann.

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In einigen Bundesstaaten, beispielsweise in Kanada, wird bereits ODARA (Ontario Family Assault Risk Assessment, also Domestic Violence Risk Assessment in Ontario) erprobt, mit dessen Hilfe die Polizei das Risiko von Opfern besser einschätzen kann.

Anhand von etwas mehr als einem Dutzend Fragen können die Ermittler Risikofaktoren lokalisieren, die einen statistisch signifikanten Anstieg der Gewalt anzeigen. Ähnlich funktioniert das „Risk Assessment Tool“. Um diese Maßnahmen umzusetzen, bedarf es einiger deutlicher Gesetzesänderungen, sagt Erichsen-Kruse. Femizid darf nur ausgeführt werden, wenn es benannt und als Verbrechen anerkannt wird.

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Generell scheint die Ampelregierung reformbereit zu sein. Bundesfrauenministerin Lisa Paus (Grüne) sagte: „Ich nenne diese Aktionen Femizid. Frauen müssen sterben, weil Männer ihre Macht und Kontrolle über sie behalten wollen, oder sie können es nicht ertragen, diese Kontrolle zu verlieren.’

Justizminister Marco Buschmann (FDP) kündigte kürzlich an, dass § 46 des Strafgesetzbuches, der sich mit den Grundsätzen der Bestrafung befasst, um die Ausnahme „geschlechtsbezogener Beweggründe“ ergänzt wird. Die Ergänzung soll die juristische Expertise sensibilisieren, relevante Motive frühzeitig in die Ermittlungen einzubeziehen. Aktivisten und Opferverbände fordern entschlosseneres Handeln.

„Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind – das muss anerkannt und rechtlich respektiert werden“, sagte Anika Ziemba vom 4. Frauenhaus in Hamburg. Er und seine Mitstreiter fordern härtere Strafgesetze. Oft werden Beziehungen in Betracht gezogen, Taten vor Gericht werden „nur“ als Mord angeklagt.

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Frauen in Not kommen nach Ziemba. “Viele haben vorgeplante Fluchten”, sagt er. Sichere Häfen befinden sich an geheimen Orten in der Stadt und sind oft die letzte Anlaufstelle. Und immer vollständig.

In Notsituationen können sich Frauen jederzeit an die zentrale Anlaufstelle wenden. Das Personal prüft dann: Können Sie jetzt deutlich sprechen? Können Sie kurz beschreiben, was passiert ist? Bist du sicher in Hamburg? Kennen Sie das Mobbingschutzgesetz und ist es eine gute Option für Sie? Können Sie Ihren Alltag selbst organisieren? Nach dieser Abklärung geht sie in ein Frauenhaus oder an eine andere geeignete Stelle. Im Mai 2020 haben soziale Träger das sechste Hamburger Frauenhaus eröffnet und 32 neue Plätze geschaffen. Diese seien aber bereits belegt, sagt Ziemba.

Die öffentliche Hand kündigte ein gegenseitiges Unterstützungsabkommen mit Schleswig-Holstein an. „Uns ist es wichtig, Schutz vor Gewalt zu bieten. Das ist noch in Arbeit und wird vielleicht nie ganz gelöst“, sagte Martin Helfrich, Sprecherin des Sozialamts. Die Auslastung der Frauenhäuser bewegte sich das ganze Jahr über um 90 Prozent des Jahresdurchschnitts. Allerdings gibt es Schwankungen. Vergangenheit pro Woche waren etwa 30 Plätze frei.

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Neben den fünf autonomen Frauenhäusern und einem Diakoniehaus würden im kommenden Jahr acht weitere betreute Wohnplätze in der Stadt entstehen, sagte Helfrich. Hamburg verfügt dann über insgesamt 248 Notunterkünfte. Nicht genug, meinen Experten und Praktiker wie Anika Ziemba.

In dem Frauenhaus, in dem sie arbeitet, gibt es 31 Betten. In der Regel sind die Hälfte der in Frauenhäusern lebenden Frauen Kinder. Mütter und ihre Babys sind in Familienzimmern untergebracht, die Bewohner teilen sich Küche und Bad. Ein Ort, an dem Frauen isoliert von der manchmal gefährlichen Außenwelt leben. Und es ist nicht ganz ungefährlich.

„Wenn einer unserer Bewohner gefunden wird, muss er aus Sicherheitsgründen umziehen“, sagte Ziemba. Das bedeutet eine schwierige Wende: Die Frau muss ihr soziales Netzwerk verlassen, ihre neu gefundenen Freunde verlassen und den Sportverein verlassen. Und woanders neu anfangen.

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“Frauen sind besonders gefährdet, vor allem während einer Scheidung”, sagt sie. “Viele Väter bestehen auf Kontakt zu ihren Kindern, da können sehr gefährliche Situationen entstehen.” Bei lang andauernden Gewaltepisoden, erklärt sie, reiche manchmal eine kleine Geste, etwa eine aggressive Augenbraue des Ex-Partners, und die Angst komme wieder hoch.

Wenn es nach Ziemba und seinen Kollegen ginge, müsste der Gesetzgeber handeln. Sie plädieren dafür, dass der missbräuchliche Ex-Partner in den ersten Monaten den Kontakt zu den Kindern einstellen sollte, um die Situation zu regulieren.

Die zuständigen Behörden scheinen diesem Problem Aufmerksamkeit zu schenken. Anfang nächster Woche trifft sich die Opferschutzorganisation Weißer Ring mit hochrangigen Beamten des Landeskriminalamts Hamburg (LKA). Da Frauenmorde nicht in die Kriminalstatistik eingehen, müssen nun erste Schritte unternommen werden, wie Beamte Frauenmorde erkennen können. Das Innenministerium, das Familienministerium und der BCA planen außerdem, im nächsten Jahr eine repräsentative Befragung zu nicht polizeilich gemeldeter Gewalt durchzuführen.

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